Die Hälfte der Wege wird in der Region Hannover nach wie vor mit dem Auto zurückgelegt – das belegen die aktuellen Zahlen „Mobilität in Deutschland 2017“ vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Die Werte sind zwar deutlich besser als im deutschlandweiten Vergleich – hier werden drei Viertel der Wege mit dem Auto zurückgelegt. Dennoch bleibt die Region Hannover damit hinter ihren selbst gesteckten Zielen zurück. Wie kann die Verkehrswende in der Region Hannover gelingen? Welche Faktoren sind ausschlaggebend? Wie können mehr Menschen dazu gebracht werden, vom Pkw aufs Rad oder in den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) umzusteigen? Fragen, die bei der Veranstaltung „Verkehrswende – aber wie“ heute (26. November) mit Expertinnen und Experten diskutiert werden.

„Die Verkehrswende erfordert mehr Mut. In den vergangenen Jahren sind die Anteile von Öffis und Radverkehr in der Stadt Hannover im Gegensatz zum Bundestrend und übrigens auch zum Umland nicht weiter gestiegen“, sagt Ulf-Birger Franz, Verkehrsdezernent der Region Hannover. Hannover sei nach wie vor als autogerechte Stadt konzipiert. Deshalb sei ein gemeinsames Konzept von Landeshauptstadt und Region erforderlich, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

16 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in der gesamten Region Hannover haben ihre Wege im Jahr 2017 mit den Rad zurückgelegt – ein Anstieg im Vergleich zu den Jahren 2011 (15 Prozent) und 2002 (12 Prozent). Ähnlich sieht die Situation auch bei der Nutzung des ÖPNV aus: 16 Prozent ist der Anteil ÖPNV an den zurückgelegten Wegen in der Region. 2011 waren es 15 Prozent, 2002 12 Prozent. Der Anteil der Pkw-Mitfahrenden ist derweil seit 20011 stabil bei zwölf Prozent. Der Anteil der Pkw-Fahrerinnen und -fahrern auf den Straßen der Region sinkt hingegen: Legten 2002 und 2011 noch 37 Prozent ihre Wege mit dem Auto zurück, waren es 2017 nur noch 35 Prozent. „Unsere Ziele, die wir uns mit dem Verkehrsentwicklungsplan pro Klima selbst gesteckt haben, waren durchaus ehrgeiziger“, bilanziert Franz.


Ein Beispiel, das beim Thema Verkehrswende gern herangezogen wird, ist Wien. Die 1,8-Millionen-Einwohner-Stadt hat sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt: Der Anteil des motorisierten Individualverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen der Wiener Bevölkerung ist von 37 Prozent im Jahr 2000 auf 27 Prozent in 2015 zurückgegangen. Mit einem Anteil von 39 Prozent an allen Wegen wird der ÖPNV in Österreichs Hauptstadt durch die Wiener Bevölkerung deutlich häufiger als jeweils die anderen Verkehrsmittel genutzt. Prof. Dr.-Ing. Carsten Sommer vom Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme der Universität Kassel hat sich wissenschaftlich mit der Verkehrsentwicklung in Wien beschäftigt. „Es sind verschiedene Maßnahmen, die aufeinander aufbauen und sich ergänzen, die zu einer erfolgreichen Verkehrswende in Wien geführt haben“, so Prof. Sommer. Gern auch in Hannover herangezogen wird das „Wiener Modell“: die Absenkung der Preise für die Jahreskarte auf 365 Euro sowie die Erhöhung der Preise für Gelegenheitskunden (eine Einzelfahrt um rund 17 Prozent). „Das ist aber nicht allein der Erfolgsfaktor“, betont Prof. Sommer. Eine stetige Erweiterung des ÖPNV-Netzes und der gebührenpflichtigen Parkzonen, die Erhöhung der Parkgebühren um 67 Prozent sowie die städtische Förderung des Radverkehrs hätten sich gegenseitig ergänzt und unterstützt. „Das ‚Wiener Modell‘ hat einen deutlichen Effekt auf die Anzahl der verkauften Jahreskarten, während der Effekt auf die Fahrgastzahlen eher gering ausfällt“, erläutert Prof. Sommer. Sein Fazit: „Das Wiener Modell führt im Wesentlichen zu einer Wanderung zwischen Fahrausweisarten und weniger zum Gewinn von Neukunden. Nur eine langfristige und konsequent nachhaltige integrierte Stadt- und Verkehrsplanung unter Nutzung des gesamten Maßnahmenspektrums führen zur Verkehrswende.“

Zurück zur Region Hannover: „Die aktuellen MiD-Zahlen ermöglichen neue Analysen. Damit werden wir unseren Verkehrsentwicklungsplan pro Klima evaluieren und fortschreiben“, sagt Elke van Zadel, Leiterin des Fachbereichs Verkehr der Region Hannover. Grundsätzlich zeige sich ein Trend zur Abkehr vom Auto in der jüngeren Generation, „allerdings wächst die Bedeutung in den älteren Generationen“, so van Zadel. Es sei zudem ein Trend zur vielfältigeren Mobilität in den Großstädten erkennbar, während die Bedeutung der Automobilität im ländlichen Raum wächst. „Die MiD-Zahlen zeigen, dass die Verkehrswende in Ansätzen erkennbar ist, aber die erwartete und erhoffte Dynamik ausgeblieben ist“, so van Zadel. Das Fazit von Verkehrsdezernent Franz: „Nur eine abgestimmtes Verkehrspolitik, die Nahverkehr und Radwege ausbaut und gleichzeitig den Autoverkehr in der Innenstadt deutlich reduziert, hat Zukunft.“

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